Forensic Excavations Inventory

Beatrice Schuett Moumdjian

Projektbeschreibung

FORENSIC EXCAVATIONS INVENTORY
OR THE TOTAL DECONSTRUCTION OF AN ARMENIAN FAMILY
Fotoinstallation
70 Fotoprints auf mattem Papier, 29 x 45 cm
200 handausgeschnittene Objekte, Kapa mit aufkaschiertem Hahnemühle RAG Archivdruck, verschiedene Größen - work in progress
2017 - 2022

Ich habe alle Fotos dekonstruiert, die mir von meiner Mutter überlassen worden sind, etwa 100 Fotos. Sie wurden in Bulgarien und Deutschland zwischen 1930 und 2000 aufgenommen. Aus diesen Fotos habe ich hunderte von Objekten, wie Spielzeug, Möbel, Körperteile die zu mir oder Familienmitgliedern gehören, gescannt und dann digital extrahiert. Über jedes Objekt schreibe ich etwas auf, woran es mich erinnert, oder Information über seinen Ursprung oder seine Bedeutung. Als nächsten Schritt vergrößere ich und drucke die Objekte und kaschiere sie auf Kunststoffmaterial (Kapa), schneide sie mit einem Skalpell aus dem Material aus und fotografiere sie erneut.

Die Arbeit erzählt eine autobiographische Geschichte, die vor meiner Geburt beginnt. Es erörtert den Effekt, den Politiken (wie der Sozialismus Bulgariens und der DDR, deren Nachwirkungen ich in den 80ern und 90ern zu spüren bekam, unter falscher Identität aufzuwachsen, der in Frage gestellte Armenische Genozid oder das beginnende Internet) auf meinen Alltag hatten. Mein eigenes privates Familienfotoarchiv multipliziert sich in eine viel größere Anzahl von Fotos. Die extrahierten Fotoobjekte verwandeln sich in Dokumente, Beweise, für die Art, auf die globale politische Vorkommnisse und die familiäre Einheit in wechselseitiger Beziehung stehen.

Die Fotos sind eine Zeitreise – Schatten doppeln sich. Es sind jene, die zum Zeitpunkt der Aufnahme auf ein Objekt fielen, und jene, die zum Zeitpunkt der erneuten Fotografie entstanden sind. Fingerabdrücke auf dem Polaroid, Risse und Unebenheiten wurden mittransportiert.

Seit 2017 habe ich die Objekte in verschiedenen Iterationen inszeniert.

So habe ich zusätzlich zu den Fotos aus meinem Familienfotoarchiv für das ortsspezifische Plakatprojekt Kunst im Untergrund des nGbK Berlin, am U-Bahnhof Stadtmitte, 2019, auch historische Fotos verwendet, die den Völkermord an den Armeniern und den damit verbundenen Waffenhandel zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem Osmanischen Reich abbilden. Ich habe Waffen und Gegenstände der türkischen und deutschen Offiziere ausgeschnitten, die die Tat gemeinsam ausgeführt haben.
Die ausgeschnittenen Kapa-Objekte habe ich im Berliner Stadtraum an relevanten Orten aufgestellt, und auf Mittelformat fotografiert, z.B. vor den Toren des heutigen thyssenkrupp Konzerns, der einer der deutschen Waffenlieferanten für das Osmanische Reich gewesen ist. Auf diese Weise habe ich eine Verbindung zwischen meiner eigenen Familiengeschichte und den politischen Ereignisse, von denen sie berührt ist, hergestellt, und in Berlin verortet. Die resultierenden Fotos habe ich auf wiederum gedruckt, auf einer Pappoberfläche angeordnet und nochmals zusammen mit gebastelten Informationsschildchen abfotografiert.
Für die Ausstellung Up In Arms habe ich die Objekte in meinem Zuhause vor schwarzem Hintergrund mit mir zusammen in meinem Wohnraum inszeniert.


Biografie

*25.08.1986 in Sofia, Volksrepublik Bulgarien, in eine Osmanisch-Armenische Familie, 1990 Emigration nach Berlin. Ausbildung 2013 – 2020 an den Kunsthochschulen in Den Haag (NL), Weimar und Leipzig. Diplom 2020 in Medienkunst/expanded cinema bei Clemens v. Wedemeyer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seit 2022 Meisterschülerin Fotografie bei Tina Bara, HGB Leipzig. 2017, Studienpreis des Freundeskreises der HGB Leipzig, 2019, Wettbewerbsgewinnerin Kunst im Untergrund der nGbK Berlin, 2020, shortlist Kunst im Stadtraum “Karl Marx Allee”, 2021, Recherchestipendium Bildende Kunst des Berliner Kultursenats, 2022 Förderung Stiftung Kunstfonds im Rahmen von Neustart Kultur.
Arbeitserfahrung im journalistischen Umfeld und Kontexten der aktivistischen Arbeit. Seit 2022 Co-Gründung und co-kuratorische Leitung der Forschungsresidenz “ost in space”im Erzgebirge. Ausstellungsbeteiligungen unter anderem bei Kunstsammlungen Chemnitz, Goethe Institut Montréal, MdbK Leipzig, neue Gesellschaft für bildende Kunst, Galerie Bernau, Saalbau Neukölln, Museum Brot und Kunst Ulm, Copenhagen Photo Festival und Noorderlicht International Photo Festival. Screenings z.B. 2018 Kasseler Dokfest und interfilm Berlin, 2019 LUFF.

Als multi-disziplinäre Künstlerin möchte ich Fakten, Situationen, Naturen, Kulturen und Traditionen, historische Vorkommnisse und ihre Spannungsfelder untersuchen indem ich ihre einzelnen Elemente aus ihrem Kontext löse und sie in einem neuen, spielerischen Zusammenhang modelliere. Oft entkoppele ich die Spielregeln eines Konzeptes und wende sie auf ein anderes Konzept in einem anderen Metier an. Archiv- und Literaturrecherche, Interviews, Audiokunst, Fotografie, Film, Text, Objekt, Performance, Kunst im öffentlichen Raum und Installation sind Teil meiner Praxis.


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